Ein Staat aus Papier
Themendossier · Zeitraum: 1948–1989 · Lesezeit: 6 Min.
Was das Regime druckte, was der Bürger ausfüllte, und was niemand nachprüfte.
In einer Sammlung zum kommunistischen Bulgarien nimmt am Ende immer das Papier den meisten Platz ein. Zeitungen, Plakate, Hefte, Formulare, Lehrbücher, Anleihen: Es ist das reichlichste und zugleich zerbrechlichste Material, jenes, das man wegwirft und das man dennoch kistenweise auf Dachböden wiederfindet.
Doch nicht alles Papier lief in dieselbe Richtung, und ebendas ordnet es. Es gab das Papier, das herabkam, vom Staat für den Bürger gedruckt, und das Papier, das hinaufging, vom Bürger für den Staat ausgefüllt. Das erste verkündete. Das zweite bewies. Zwischen beiden gab es keine dritte Stelle, die irgendetwas nachgeprüft hätte.
Verschiedene in der Volksrepublik Bulgarien erhältliche Zeitungen — Collection Cold War Bulgaria
Ein einziger Verlag
Die bulgarische Presse nach 1944 hatte keinen Wettbewerb, weil der Begriff selbst keine rechtliche Grundlage mehr hatte. Das gesamte Verlagswesen ging unter staatliche Kontrolle, bis hin zu den Papierfabriken, die verstaatlicht wurden: Das Regime besaß den Stoff, bevor es besaß, was darauf gedruckt wurde.
An der Spitze Rabotnitschesko Delo (Работническо дело), Organ des Zentralkomitees der Bulgarischen Kommunistischen Partei, 1927 gegründet und bis zu seinem Verschwinden 1990, als es zu Duma wurde, eine der höchsten Auflagen des Landes. Darunter eine Presse der Korporationen und Branchen: Jede Einrichtung, jede Waffengattung, jede Organisation hatte ihr Blatt.
Erste Ausgabe der Zeitschrift „Bulgarischer Krieger", 1956 — Collection Cold War Bulgaria
Einem Leser jener Zeit fehlte es nicht an Lektüre. Es fehlte ihm an Vergleichspunkten.
Das Papier, das herabkommt
Das herabkommende Papier begnügte sich nicht mit Unterrichtung: Es verfügte. Die Verfassung setzte den Rahmen, das Parteiprogramm die Richtung, das Plakat die Formel, die jeder aufsagen können musste.
Erste Verfassung der Volksrepublik Bulgarien — Collection Cold War Bulgaria
Programm der Bulgarischen Kommunistischen Partei, Ausgabe von 1974 — Collection Cold War Bulgaria
Diese Texte waren nicht dazu bestimmt, erörtert zu werden. Sie waren dazu bestimmt, ausgehängt, verteilt, gelernt zu werden. Das Wandplakat ist davon die reinste Form: ein Satz, eine Parole, und nichts, was eine Antwort verlangt.
Propagandaplakat mit dem Grundsatz der Entlohnung nach geleisteter Arbeit — Collection Cold War Bulgaria
Zwanzig Plakate für fünf Jahre
Ein Stück der Sammlung fasst den ganzen Mechanismus für sich allein zusammen: eine Reihe von etwa zwanzig Plakaten, die den nationalen Fünfjahresplan von 1949 bis 1953 vorstellen. Der erste bulgarische Fünfjahresplan, an der Wand ausgehängt.
Plakatreihe zur Vorstellung des nationalen Fünfjahres-Wirtschaftsplans von 1949 bis 1953 — Collection Cold War Bulgaria
Der Apparat, der diese Zahlen hervorbrachte, war kurz zuvor aufgebaut worden. Im Januar 1948 wird ein Staatliches Komitee für die Produktion geschaffen; schon im Oktober desselben Jahres legen dieses Komitee und die Hauptverwaltung für Statistik gemeinsam die Kriterien zur Berechnung der Planerfüllung fest. Die Stelle, die die Ziele erreichen sollte, bestimmte also zusammen mit der Stelle, die sie messen sollte, die Art des Messens.
Das Weitere ist bekannt. 1952 wird der Plan mit einem Jahr Vorsprung für erfüllt erklärt. Doch die Statistiken der Zeit sind zu unvollständig und zu widersprüchlich, als dass sich die tatsächlichen Ergebnisse beurteilen ließen. Die Landwirtschaft erhielt nur 13 % der vorgesehenen Investitionen und verzeichnete kein Wachstum: Wo der Plan 59 % Steigerung der Agrarproduktion ankündigte, lautet die anerkannte Schätzung 0,9 %.
Das ist der Kern der Sache. Diese Plakate waren keine Lüge: Sie waren ein gedrucktes Versprechen, ausgesprochen von einer Macht, die auch das Werkzeug der Überprüfung besaß. Das Papier kündigte das Ergebnis an, und das Papier bescheinigte, dass es erreicht worden war.
Das Papier, das hinaufgeht
Am anderen Ende der Kette ein Papier ganz anderer Art. Dieses wird nicht ausgehängt, es wird ausgefüllt, gestempelt und abgelegt.
Das Arbeitsbuch begleitete einen Menschen von einer Stelle zur anderen. Es verzeichnete die Posten, die Daten, die Beurteilungen. Ohne es konnte man nichts von dem beweisen, was man geleistet hatte.
Arbeitsbuch aus dem Ende der 1940er und dem Anfang der 1950er Jahre — Collection Cold War Bulgaria
Arbeitsheft aus dem Ende der 1980er Jahre — Collection Cold War Bulgaria
Der Staat lieh sich auch bei seinen Bürgern, in Gestalt von Anleihen, die die Lohnempfänger zeichneten. Das Papier ist bescheiden, ohne Prunk gedruckt; es ist gleichwohl eine Verpflichtung des Staates gegenüber einer Privatperson, in einem System, in dem Ersparnis wie Kredit über eine einzige Kasse liefen.
Staatsanleihe über 30 Lewa, ausgegeben 1952 — Collection Cold War Bulgaria
Dieses hinaufgehende Papier hat eine entscheidende Eigenschaft: Es brachte die Zahlen hervor. Jedes ausgefüllte Buch, jeder Beleg, jede Werkstattmeldung speiste die Statistik, die am Ende dazu dienen sollte, den Plan für erfüllt zu erklären. Der Bürger wurde nicht nur verwaltet. Er war die Quelle der Daten.
Lesen lernen, was gedruckt ist
Damit ein solches System funktioniert, muss das herabkommende Papier vorbehaltlos aufgenommen werden. Das ist die Aufgabe der Schule.
Schulfibel für das dritte Schuljahr, „Sprache des Vaterlandes" — Collection Cold War Bulgaria
Geschichtsbuch für das neunte und zehnte Schuljahr, 1972 — Collection Cold War Bulgaria
Ein staatliches Geschichtsbuch ist in einem Land mit einem einzigen Verlag kein Buch unter anderen: Es ist die einzig verfügbare Fassung. Die Schüler lernten nicht nur Inhalte. Sie lernten, dass ein gedruckter Text schon dadurch Geltung hat, dass er gedruckt ist.
Die Werkstatt
Bleibt das untere Ende der Kette, die Gegenstände, die all dieses Papier körperlich hervorbringen.
Drucktype mit dem Bildnis Georgi Dimitrows — Collection Cold War Bulgaria
Diese Drucktype ist vielleicht der wörtlichste Gegenstand der Sammlung. Sie ist kein Bildnis Georgi Dimitrows: Sie ist das Werkzeug, das erlaubt, dieses Bildnis unverändert und unbegrenzt auf jedem Träger zu vervielfältigen. Das amtliche Gesicht ist kein Bild, es ist ein Werkstattteil.
In der Volksrepublik Bulgarien hergestellter Papierlocher — Collection Cold War Bulgaria
Bulgarische Rechenmaschine für Kassierer und Buchhalter — Collection Cold War Bulgaria
Ein Locher, eine Rechenmaschine. Diese beiden unscheinbaren Gegenstände sind die eigentliche Infrastruktur des Systems: das, was erlaubt, eine Akte einzuordnen und eine Spalte zu addieren. Ohne sie keine Statistik, also kein Plan, also kein Plakat, das die Erfüllung des Plans verkündet.
Was ein Blatt wiegt
Ein Regime wird oft an seinen Waffen, seiner Polizei, seinen Grenzen gemessen. Das kommunistische Bulgarien hatte all dies, und dieses Museum widmet dem andere Dossiers.
Doch die Maschine ruhte auf etwas weit Leichterem. Ein Land, in dem man weder arbeiten noch sparen noch reisen noch studieren konnte, ohne ein Schriftstück zu erzeugen, und in dem all diese Schriftstücke bei einer einzigen Verwaltung zusammenliefen, die auch die Zeitungen druckte, welche die Zahlen kommentierten, die sie selbst berechnet hatte.
Papier zwingt niemanden. Es macht die Dinge nur überprüfbar — aber allein für den, der es besitzt. Das ist es, was diese Plakate, diese Hefte und diese Drucktype zusammen erzählen: nicht die Gewalt eines Regimes, sondern seinen ungeheuren, geduldigen und vollkommen geordneten Papierkram.
Quellengeprüfte Angaben: Schaffung des Staatlichen Komitees für die Produktion im Januar 1948 und Festlegung der Kriterien zur Berechnung der Planerfüllung im Oktober 1948 gemeinsam mit der Hauptverwaltung für Statistik; Erklärung der Erfüllung des ersten Fünfjahresplans 1952 mit einem Jahr Vorsprung und Unmöglichkeit, die tatsächlichen Ergebnisse wegen unvollständiger und widersprüchlicher Statistiken zu beurteilen; Anteil von 13 % der Investitionen, den die Landwirtschaft erhielt; Ziel von 59 % Agrarwachstum und erreichte Schätzung von 0,9 %; Gründung von Rabotnitschesko Delo 1927 als Organ des Zentralkomitees und Namensänderung in Duma 1990; staatliche Kontrolle über das gesamte Verlagswesen und Verstaatlichung der Papierfabriken. Beruht auf der Beschreibung des Objekts durch den Sammler und nicht auf einer dokumentarischen Quelle: Zusammensetzung und Datierung der Plakatreihe zum Fünfjahresplan. Die genaue Auflage von Rabotnitschesko Delo kursiert in schlecht belegten Zahlen; keine davon wird hier angeführt.