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Cold War Bulgaria
7 Min. Lesezeit

Das Soldatenleben

Themendossier · Zeitraum: 1944–1989 · Lesezeit: 7 Min.

Dossier — Die Bulgarische Volksarmee (Българска народна армия) und der Dienst in der Volksrepublik.

Fünfundvierzig Jahre lang war das Anlegen der Uniform für fast alle bulgarischen Männer eine unumgängliche Stufe des Lebens. Die Bulgarische Volksarmee (Българска народна армия, die BNA) war nicht nur eine militärische Einrichtung: Sie war ein Durchgang, den jede Generation nahm, ein Millionen von Leben gemeinsamer Abschnitt zwischen Jugend und Erwachsenenalter.

Dieses Dossier zeichnet nach, was diese Welt war, von der Einberufung bis zur Rückkehr ins Zivilleben, anhand der Gegenstände, Uniformen und Bilder, die sie hinterlassen hat.

Eine Gruppe in Winteruniform vor ihrem LastwagenEine Gruppe in Winteruniform vor ihrem LastwagenCollection Cold War Bulgaria

Truppe der Bulgarischen Volksarmee, Zeit vor den 1970er JahrenTruppe der Bulgarischen Volksarmee, Zeit vor den 1970er JahrenCollection Cold War Bulgaria

Die allgemeine Wehrpflicht

In der Volksrepublik war der Militärdienst für Männer allgemein und verpflichtend. Ende der 1980er Jahre zählte die Armee rund 152 000 aktive Soldaten, eine beachtliche Zahl für ein Land von neun Millionen Einwohnern, ermöglicht eben durch diese durchgängige Wehrpflicht.

Jeder junge Mann wusste mit der Volljährigkeit, dass er dienen musste. Der Dienst dauerte je nach Waffengattung und Zeitraum zwei bis drei Jahre. Man entzog sich ihm nicht: Freistellung war selten, medizinischen Fällen oder wenigen familiären Lagen vorbehalten, und Verweigerung war in einem Staat, in dem die Armee die Nation in Waffen verkörperte, keine denkbare Möglichkeit.

Diese Allgemeinheit machte den Dienst zu einer geteilten Erfahrung. Gleich welcher sozialen Herkunft, welcher Gegend, welchen künftigen Berufs: ein bulgarischer Mann jener Zeit hatte die Kaserne erlebt. Es war ein gemeinsamer Nenner einer ganzen Generation.

Die Kaserne und die Rangordnung

Der Alltag des Soldaten war von einer strengen Rangordnung geregelt, in ihren Grundsätzen dem sowjetischen Vorbild nachgebildet, aber mit bulgarischen Eigenheiten.

Unteroffizier der Bulgarischen VolksarmeeUnteroffizier der Bulgarischen VolksarmeeCollection Cold War Bulgaria

Der Unteroffizier, Sergeant oder Oberfeldwebel, war die Gestalt der Nähe, jene, die den Wehrpflichtigen Tag für Tag führte. Er leitete die Ausbildung, wachte über die Ordnung, gab die Befehle weiter. Der Gürtel, die Litzen, das Fachabzeichen: Jede Einzelheit der Uniform nannte Rang und Aufgabe.

Offizier der Bulgarischen Volksarmee, mit Mütze, Paradegürtel und DolchOffizier der Bulgarischen Volksarmee, mit Mütze, Paradegürtel und DolchCollection Cold War Bulgaria

Darüber gehörte der Offizier einer anderen Welt an. Die steife Schirmmütze, der Paradegürtel, der Ehrendolch markierten einen deutlichen Abstand zur Mannschaft. Besonders die Paradeuniform war ebenso sehr Sache der Repräsentation wie des Dienstes: Sie zeigte das Ansehen der militärischen Einrichtung in einer Gesellschaft, in der die Armee einen zentralen Platz einnahm.

Medaillen für tadellosen DienstMedaillen für tadellosen DienstCollection Cold War Bulgaria

Stoffemblem der Bulgarischen VolksarmeeStoffemblem der Bulgarischen VolksarmeeCollection Cold War Bulgaria

Zwischen diesen Ebenen folgte das Kasernenleben einem unwandelbaren Takt: Wecken, Ausbildung, Pflege der Ausrüstung, Arbeitsdienste, Übungen. Ein Alltag aus Wiederholung und Disziplin, den Hunderttausende von Männern geteilt haben und an den sich viele erinnern.

Die politische Erziehung

Zur militärischen Ausbildung kam eine Ausbildung anderer Art: die politische Erziehung. Sie war nicht nebensächlich, sie war der Volksarmee wesenseigen: das Wort „Volks-" selbst bezeichnete diese ideologische Bestimmung. Die Armee sollte Soldaten hervorbringen, aber auch dem sozialistischen Regime treue Bürger.

Dieser ideologische Rahmen war durchgegliedert. Die Armee verfügte über eine Politische Hauptverwaltung, einen eigenen Apparat, der die politische Schulung der Truppen überwachte und bei Bedarf die militärische Meinung mobilisieren konnte, wie im Mai 1968, als sie eine Kampagne startete, um den Soldaten die bevorstehende Intervention in der Tschechoslowakei zu begründen. Auf jeder Ebene wachten Politoffiziere über die ideologische Linientreue der Verbände.

Ausgaben der Militärzeitschrift „Sergeant"Ausgaben der Militärzeitschrift „Sergeant"Collection Cold War Bulgaria

Für die Mannschaften bedeutete das Stunden der Unterweisung in Marxismus-Leninismus, in der Geschichte der Partei, in der amtlichen Lehre. Für die Führung stand noch mehr auf dem Spiel. Politische Zuverlässigkeit zählte bei der Beurteilung eines Offiziers ebenso viel wie fachliche Eignung, und die Mitgliedschaft in der Bulgarischen Kommunistischen Partei war die Regel: Im Offizierkorps lag die Mitgliederquote über 80 %. Als höherer Offizier Laufbahn zu machen, ohne Parteimitglied zu sein, war in der Praxis sehr schwierig: politisches Engagement und militärisches Fortkommen gingen Hand in Hand.

Erst nach 1990 wurde dieses Band zerschnitten: Die fachliche Eignung trat an die Stelle der politischen Ergebenheit als Hauptkriterium, und der Posten des Politoffiziers wurde amtlich abgeschafft. Der Wandel misst im Gegenlicht, wie sehr das alte System politisiert war.

Die Armee im Warschauer Pakt

Die BNA war keine für sich stehende Armee. Seit dem 14. Mai 1955 gehörte Bulgarien zu den Unterzeichnern des Warschauer Paktes, des von Moskau geführten Militärbündnisses der sozialistischen Länder Osteuropas.

Erinnerungsstück an das Manöver Schild 82 des Warschauer PaktesErinnerungsstück an das Manöver Schild 82 des Warschauer PaktesCollection Cold War Bulgaria

Diese Zugehörigkeit prägte die gesamte bulgarische Militärdoktrin. Im Falle eines Krieges zwischen NATO und Pakt hatte die bulgarische Armee einen genauen Auftrag: die Südgrenze gegenüber Griechenland und der Türkei, zwei NATO-Mitgliedern, zu halten und die Entfaltung der sowjetischen und rumänischen Verstärkungen auf bulgarischem Boden zu sichern. Bulgarien war der Riegel der Südflanke des Bündnisses.

Die großen Manöver machten diese Verflechtung sichtbar. Die Übung Schild 82 (Schtit 82), in Bulgarien abgehalten, war eine der umfangreichsten Übungen des Warschauer Paktes auf bulgarischem Gebiet und brachte Truppen mehrerer verbündeter Länder zusammen. Diese Manöver hatten eine doppelte Aufgabe: die Streitkräfte zum gemeinsamen Kampf zu befähigen und den Zusammenhalt des Blocks zu zeigen, den eigenen Mitgliedern ebenso wie dem westlichen Gegner.

Ein Widerspruch ist gleichwohl festzuhalten. Trotz ihrer Größe und ihrer beständigen Bereitschaft hat die Bulgarische Volksarmee fast nie gekämpft. Ihr einziger wirklicher Einsatz in fünfundvierzig Jahren war die Beteiligung, an der Seite anderer Pakttruppen, am Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 zur Niederschlagung des Prager Frühlings; zwei bulgarische Regimenter wurden dorthin entsandt. Außer dieser Episode erlebte diese ungeheure, stets bereite Armee nie den Krieg, auf den sie sich vorbereitete.

Die Waffengattungen und die Ausrüstung

Unter der gemeinsamen Uniform gliederte sich die Armee in Gattungen mit unterschiedlicher Ausrüstung.

Panzersoldat der Bulgarischen VolksarmeePanzersoldat der Bulgarischen VolksarmeeCollection Cold War Bulgaria

Die Panzersoldaten bildeten eine Welt für sich, mit ihrer wattierten Lederhaube, ihrem Overall, ihrer an den engen Raum des Panzers angepassten Ausrüstung. Es war eine Prestigewaffe, modern, mit Feuerkraft und Beweglichkeit verbunden, das Bild der mechanisierten Armee des Paktes schlechthin.

Soldaten bei der Ausbildung, mit der Gasmaske PMG ausgerüstetSoldaten bei der Ausbildung, mit der Gasmaske PMG ausgerüstetCollection Cold War Bulgaria

Die Ausrüstung des bulgarischen Soldaten verdient einen Aufenthalt, denn sie erzählt eine Geschichte stiller Eigenständigkeit. Anders als man von einem so loyalen Verbündeten Moskaus erwarten könnte, hat Bulgarien das sowjetische Material nicht einfach kopiert.

Truppe der Bulgarischen Volksarmee, Zeit nach den 1970er JahrenTruppe der Bulgarischen Volksarmee, Zeit nach den 1970er JahrenCollection Cold War Bulgaria

Der Helm ist dafür das sprechendste Beispiel. Wo viele Armeen des Paktes Kopien des sowjetischen Helms übernahmen, behielt Bulgarien eine eigene Linie. Sein Helm, vom italienischen Modell M33 abgeleitet, hatte eine eigentümliche, wiedererkennbare Silhouette: eine Wahl, die im Bündnis eine nationale Identität behauptete. Ebenso entwickelte die bulgarische Armee eigene Tarnmuster, in einer von den „Splitter"-Mustern und nicht vom sowjetischen Vorbild geerbten Tradition.

Ende der 1960er und in den 1970er Jahren entwickelte sich die Uniform zu etwas ausgeprägter Bulgarischem und entfernte sich von den aus dem Zweiten Weltkrieg ererbten Schnitten. Diese allmähliche Modernisierung der Ausrüstung begleitete das Erstarken der Armee. (Das genaue Datum und der amtliche Rahmen dieser Reform sind noch zu klären, anhand bulgarischer Quellen zu überprüfen.)

Luftwaffe und Luftverteidigung, Marine am Schwarzen Meer, Grenztruppen: Jede Waffengattung hatte ihre Überlieferungen, ihre Uniformen, ihre Kultur. Zusammen bildeten sie einen Militärapparat, der in der Gesellschaft und im Staatshaushalt schwer wog.

Ein Übergangsritus

Über seine militärische Aufgabe hinaus war der Dienst eine totale gesellschaftliche Tatsache.

Für einen jungen Mann bedeutete der Gang zur Armee das Ende der Kindheit. Man verließ seine Familie, seine Stadt, seine Gewohnheiten für eine Welt der Disziplin, der Enge und der Anstrengung. Man kam zwei oder drei Jahre später zurück und galt als Erwachsener. Der Dienst war die Schwelle, die den Jungen vom Mann trennte, in den kollektiven Vorstellungen wie in den einzelnen Lebensläufen.

Er war auch ein Schmelztiegel. Männer aus allen Gegenden Bulgariens, aus allen Schichten fanden sich dort vermischt. Man knüpfte Freundschaften, die ein Leben lang hielten, teilte Strapazen, von denen man noch Jahrzehnte später sprach. Für viele blieben diese Jahre eine prägende Erinnerung, mitunter hart, oft wehmütig.

Derselbe Wehrpflichtige in Mannschaftsuniform und bei der Vereidigungsfeier fotografiertDerselbe Wehrpflichtige in Mannschaftsuniform und bei der Vereidigungsfeier fotografiertCollection Cold War Bulgaria

Die verbliebenen Gegenstände (Wehrpässe, Uniformen, Abzeichen, Fotografien von Rekruten) sind die Spuren dieses Übergangs. Jeder gehörte einem Mann, der diese gemeinsame Erfahrung durchlebt und sie noch lange nach der Rückgabe der Uniform im Gedächtnis behalten hat.

Diese Erinnerung, gewöhnlich und geteilt, will dieses Dossier bewahren.

Postumschlag zum Ruhme der Volksarmee, 1980Postumschlag zum Ruhme der Volksarmee, 1980Collection Cold War Bulgaria


Dieses Dossier stützt sich auf dokumentarische Quellen zur Bulgarischen Volksarmee und zum Warschauer Pakt sowie auf die Objekte der Sammlung. Einzelne Angaben, namentlich die genaue Datierung der Uniformreform, sollten anhand bulgarischer Primärquellen überprüft werden. Die Videos sind Zusammenschnitte von Archivaufnahmen des Kanals Peoples Republic Of Bulgaria.